Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt

Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt

Handballer des Stralsunder HV gewinnen mit 32:20 gegen BFC Preussen. Bis zum erwarteten Ergebnis war es ein weiter Weg.

Der Stralsunder HV hat mit einem 32:20 zurück in die Erfolgsspur in der Handball-Oberliga Ostsee-Spree gefunden. Nach einer turbulenten Partie setzte sich der Titelträger letztendlich deutlich gegen den BFC Preussen aus Berlin durch.

Bis die Angriffsmaschine der Stralsunder ins Laufen kam, dauerte es aber 40 Minuten. Zuvor bot der Außenseiter lange Paroli und führte zur Halbzeit mit 13:12. Damit hatten die Berliner selbst nicht gerechnet. „Fünf Spieler aus unserer ersten Sieben haben gefehlt. Die Stralsunder haben uns viel länger mitspielen lassen, als wir das vorher gedacht hätten. Wir sind zufrieden und können erhobenen Hauptes den Heimweg antreten“, zog Gästetrainer Alexander Schwabe trotz der deutlichen Niederlage ein positives Fazit.

Sein Gegenüber Steffen Fischer war mit der Leistung seiner Mannschaft nicht gänzlich zufrieden, schaute aber sofort nach vorn: „Der Anfang war ein Spiegelbild der Partie auf Usedom. Unser Spiel war sehr zerfahren, und es hat lange gebraucht, um uns zu finden. Unser Ziel ist weiter klar: Platz eins und der Aufstieg in die dritte Liga!“

Auffälligster Spieler war Corvin Obst, der nach langwieriger Verletzung erstmals wieder längere Zeit  auf dem Feld stand und ein starkes Comeback feierte. „Die Spannung war am Anfang wieder nicht da. Wir haben uns vom Gegner einlullen lassen und uns dessen Spiel angepasst. Wenn wir einfach unser Spiel spielen, kommt es gar nicht zu engen Situationen.“

Auch wenn Akteure und Verantwortliche des SHV nach dem Abpfiff wie gewohnt nach einem deutlichen Heimsieg zum Abklatschen zu den Fans gehen konnten, bot das Spiel gegen den BFC Preussen zuvor doch einigen Gesprächsstoff.

Rot-Premiere für Malitz

Es waren noch keine 16 Minuten gespielt, als ein Raunen durch die Vogelsanghalle ging. Bei einem langen Pass der Berliner eilte SHV-Keeper Tobias Malitz aus seinem Kasten. Statt den Ball abzufangen, traf er aber den Gegner und sah dafür die Rote Karte. „Das ist meine erste Rote Karte. Ich bin bestimmt in dieser Saison schon fünfmal herausgelaufen und normalerweise passiert nichts. Ich glaube aber, der Gegenspieler sieht mich und wird langsamer, damit es zum Kontakt kommt“, erklärt der Torhüter seine Rot-Premiere.

Bei einem knappen Rückstand von 6:8 musste Ersatzmann Philipp Groth aufs Feld. Der sorgte nicht nur mit seinen starken sechs Paraden in den Schlussminuten der ersten Hälfte für Aufsehen, sondern kassierte Lob von der Nummer 1: „Philipp brauchte ein paar Würfe, um reinzukommen. Man hat ihm die Nervosität angesehen. Das ist aber auch undankbar, weil er weiß, wenn es nicht klappt, kann er nicht ersetzt werden. Dann hat er aber auch gute und wichtige Dinger gehabt“, so Tobias Malitz.

Torhüter mit starkem Wurfarm

Die Szene von Groth, die den meisten in Erinnerung bleiben wird, passierte in der 44. Minute. Nachdem der Torwart einen Ball abgefangen hatte und sein Gegenüber noch auf der Bank saß, versuchte er sein Glück über das gesamte Spielfeld. Die Halle hielt kurz den Atem an, dann klatschte der Ball an die Latte. „Das kann doch nicht wahr sein! Ich kann doch gar nicht so weit werfen“, beschreibt Groth seine Gedanken, als der Ball am Querbalken landete und für ein kurzes Stimmungshoch in der Halle sorgte.

Kurz vor dem Ende durfte sich Groth mit seinem zweiten Versuch dann aber doch noch in die Torschützenliste eintragen. „Da bin ich auf Nummer sicher gegangen und habe flach geworfen“, scherzt der 32-Jährige.

Balldieb ändert das Spiel

Erstmals in der laufenden Saison trat gegen den BFC Corvin Obst ins Rampenlicht. Nach dem zerfahrenen Start seiner Mitspieler kam er nach einer Viertelstunde auf die Platte und übernahm das Zepter. „Es ist seit dem Spiel auf Usedom geplant, dass ich im Rückraum spiele. Das ist schon seit der Jugend meine Position. Ich fühle mich auf der Position wohler – Linksaußen war nur eine Randnotiz“, sagt der 21-Jährige.

Seine auffälligsten Aktionen hatte Obst aber in der Defensive. Als vorgezogener Spieler spitzelte er immer wieder den Ball aus den Händen des Gegners und sorgte so auch für eine Wende im Abwehrspiel. „Stealen und Bälle abfangen gehört zu meinem Spiel. Ich sollte direkt auf die Pässe gehen“, gibt Obst seine Vorgabe an. Das gelang ihm mit Bravour. Im ersten Spielzug schnappte er sich den Ball vom Gegner, den zuvor kaum zu stoppenden Patrick Hanisch meldete er mit seiner Manndeckung fast komplett ab. „Für ihn war es das erste richtige Spiel in dieser Saison und es freut mich besonders, dass er richtig gut gespielt hat“, gab es Sonderlob von Trainer Steffen Fischer. Nach überstandener Verletzung will Obst mehr: „Ich hoffe auf mehr Spielzeit.“

Ungewohnte Ladehemmung bei Benjamin Hinz

Bis zur Mitte des zweiten Spielabschnitts wunderten sich einige Zuschauer wohl, was für eine Partie ihnen geboten wurde, denn die Heimmannschaft zeigte keine ihrer üblichen Stärken – positiv wie auch negativ. So erzielte Torgarant Benjamin Hinz erst in der 40. Spielminute seinen ersten Treffer. „Die letzten Jahre gab’s das auf jeden Fall nicht. Ich habe aber auch keine Bälle gehabt“, antwortet Hinz auf die Frage, wann er das letzte Mal zwei Drittel des Spiels ohne Treffer blieb.

Das lag auch daran, dass Fynn Martin Tippelt ihn an der Siebenmeterlinie ersetzte. Und das machte der 22-Jährige eindrucksvoll. Nachdem die Strafwürfe im bisherigen Saisonverlauf eine klare Schwachstelle im SHV-Spiel waren, bewies Tippelt, dass es auch anders geht. Alle fünf Versuche versenkte er in der ersten Halbzeit sicher und sorgte somit dafür, dass der Abstand beim Seitenwechsel nur ein Tor betrug.

Als sich das Spiel seiner Mannschaft ab der 40. Minute aber wieder auf das gewohnt starke und schnelle Niveau wandelte, gab es auch von der Linie das alte Bild: Tippelt vergab Versuch Nummer sechs. Für ihn am Ende aber wohl zu verkraften. Das sah auch Trainer Steffen Fischer so: „Klasse, dass er Verantwortung übernommen hat. Von sieben Metern und im Rückraum.“

Bei Hinz stellte sich gegen Ende des Spiels ebenfalls wieder der Normalzustand ein. Zwei sehenswerte Treffer von außen, zwei Tempogegenstöße, ein verwandelter Siebenmeter und somit fünf Tore standen beim Schlusspfiff immerhin zu Buche.

„Stralsunder Jung“ erfüllt sich seinen Traum

In den letzten Spielminuten gab es den großen Auftritt für den A-Jugendspieler Niklas Klein. Er schaffte es erstmals in die Oberligamannschaft des SHV. „Ein enormes Gefühl. Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung. Ich habe schon als kleiner Junge hier in der Halle zugesehen“, beschreibt Klein seine ersten Momente auf dem Herrenparkett.

Die Krönung seiner Premiere verpasste er aber knapp. Kurz vor Schluss nahm er sich den Wurf von Linksaußen und zwirbelte den Ball am gegnerischen Torhüter vorbei. Dabei hat Klein aber etwas zu genau gezielt, denn statt ins Tor sprang der Ball vom Innenpfosten zurück ins Feld. „Ärgerlich, aber das ist immer eine Sache von Millimetern“, bemerkte Klein gelassen und freute sich über seinen ersten Auftritt vor großer Kulisse: „Es ist schön, dass es  geklappt hat. Das spricht auch für die Jugendarbeit des Vereins.“

Am Ende ist alles wie immer: Mit zwölf Toren Vorsprung gewonnen, starke Torhüter-Leistung, rasantes Spiel und eine stabile Abwehr. Was sich nach einem inzwischen schon normalen Heimspiel des SHV anhört, wird trotzdem Spielern und Zuschauern in Erinnerung bleiben. Denn über 40 Minuten lief beim Meister nicht alles nach Plan, am Ende ist aber irgendwie doch alles wie immer.

Ostsee-Zeitung

Niklas Kunkel

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